6. Februar 2014 vk.admin

Verletzlichkeit und unsere Vermeidungstaktiken!


Verletzlichkeit hat viele Namen:

Verletzlichkeit
Der junge Werther, ein x-beliebiges fünfjähriges Kind in der Geschichte der Menschheit, hat seinen ersten Osterhasen geknetet und zeigt das Werk stolz seinem Bruder. „Das ist doch kein Hase“, empört sich der Ältere, „die Ohren sind viel zu kurz, und das Ganze sieht aus wie eine missratene Kugel!“ Werther hat Stunden für das Werk gebraucht, all seine Gestaltungskraft bemüht und sein ganzes Wesen in die Arbeit gesteckt – er ist maßlos enttäuscht von sich. Zum ersten Mal spürt er seine Verletzlichkeit.

10 Jahre später ist Werther unsterblich in Charlotte verliebt. Die Schmetterlinge rasen ihm durch den ganzen Körper, er vibriert bei jedem Anblick der geliebten Person – aber er traut sich nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren. Denn Charlotte ist der Star in der Klasse und fertigt ihre Bewerber gern mit spitzer Zunge ab. Werther schweigt, weil er nicht verletzt werden will.

Wieder 10 Jahre später sitzt Werther in einem Brainstorming und hat DIE Idee für den Namen des neuen Produkts – denn er hat nächtelang vorgearbeitet und eine komplette Expertise zu seinem Vorschlag erstellt. „Ja“, sagt der Chef und wendet sich an den nächsten Kollegen, „und was ist Ihnen eingefallen, Herr X?“

Mit 35 Jahren spürt Werther, dass die Beziehung zu seiner Frau immer kühler wird. Sie ist oft weg, telefoniert stundenlang in ihrem Zimmer, und ist plötzlich Opern-Fan. Freunde berichten von einem anderen Mann. Aber so genau will es Werther gar nicht wissen.


Verletzlichkeit vs. Coolness

Werther hat irgendwann so viel gelitten, dass er sich einen Panzer gegen seine Verletzlichkeit aufgebaut hat, an dem alle negativen Gefühle abprallen sollen.
Der Preis: seine Hingabe für Ideen, seine Kreativität, seine Empathie, seine Liebesfähigkeit sind verkümmert – eingetauscht gegen ein möglichst gleichbleibendes Niveau von Gefühlen, die wenigstens nicht unangenehm sind. „Quiet desperation“ nennt der Brite diesen Zustand, und im Deutschen gibt es die vielsagende Deutung der Abkürzung LIEBE – „Leidfrei in enger Beziehung existieren“.

Was Werther nicht weiß: alle Menschen müssen lernen, mit ihrer Verletzlichkeit zu leben. Da keiner perfekt ist, kann auch jeder verletzt werden. Den Umgang mit Verletzlichkeit aber lernen wir nirgendwo. Das soziale Umfeld liefert nur „unechte“ Tipps gegen Verletzlichkeit in Form materieller Wertorientierungen.

Bestärkt wird Werther in seinem Nichtwissen dadurch, dass die übergroße Mehrheit seiner Mitmenschen genau so reagiert wie er selbst: mit einer geglätteten Fassade, mit dem Ignorieren von Gefühlen, mit dem Ausschalten von Risiken. Dass sie dafür ein erfülltes Leben aufgeben, ahnen sie zwar, aber die Angst vor dem Verletzt werden ist größer. Emotionale Verletzungen schmerzen mehr als körperliche.


Woher kommt die Angst vor der Verletzlichkeit?

Was Werther für persönliche Schwäche hält, ist nur bedingt ein individuelles Phänomen. Verletzlichkeit stellt ein Regulativ unseres sozialen Umgangs dar. Das Gefühl hilft uns, die Menschen zu erkennen, mit denen wir kooperieren können – leider durch ein negatives Ausscheidungsverfahren. Aber der Umgang mit anderen Menschen ist das A und O unseres Seins. Ohne Kooperation hätte die menschliche Gattung nicht die erfolgreichste auf der Welt werden können. Kaum ein Wesen ist seinen natürlichen Feinden so unterlegen wie der Mensch – nur das gemeinsame Handeln hat uns vor dem Aussterben bewahrt. Diese Grundbedingung regelt auch unseren Umgang mit Verletzlichkeit. Nur wer zur Gruppe gehört, überlebt. Das Gefühl, abgelehnt zu werden, setzt existenzielle Ängste in uns frei. Nichts anderes passiert, wenn wir in unseren Gefühlen verletzt werden. Die Tipps gegen Verletzlichkeit früherer Jahrhunderte waren simpel: verletzt werden gehört zum Überlebenskampf, emotionale Verletzungen müssen „geschluckt“ werden, um im Schutz der Gruppe zu verbleiben.

Der Umgang mit Verletzlichkeit wird auch durch eine rein physische Reaktion bestimmt: Schmerz signalisiert Gefahr. Verletzungen tun in jedem Falle weh, ob es sich nun um körperliche oder emotionale Verletzungen handelt. In beiden Fällen aber zwingt uns das Signal, ein neues Verhalten an den Tag zu legen, um künftig Schmerz zu vermeiden. Im Umgang mit Verletzlichkeit lernt der Mensch.


Welche Rolle spielt Verletzlichkeit heute?

Auf dem modernen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung, in der vermittelte Beziehungen zunehmend das Leben der Menschen bestimmen, sollten Tipps gegen Verletzlichkeit eigentlich überflüssig sein. Keiner muss heute um des nackten Überlebens willen in einer ungeliebten Horde sein Dasein fristen; die extrem erweiterten Wahlmöglichkeiten innerhalb des arbeitsteilig organisierten und industriellen Überschuss produzierenden Gemeinwesens schaffen ein Höchstmaß an persönlicher Freiheit. Aber so weit Technik und gesellschaftliche Strukturen den Menschen aus dem Tierreich herausgeschleudert haben, so tief zieht ihn seine Gattungspsychologie wieder in die Steinzeit zurück. Der (mittlerweile unglaublich hohe) materielle Vorteil ist immer noch der Gradmesser seines Handelns. Ein konstantes Beiwerk der Errungenschaften des Fortschritts ist ihre Nutzung für die Nivellierung unserer Gefühlswelt. Statussymbole ersetzen menschliche Größe. Wir haben gelernt, den körperlichen Schmerz zu bekämpfen, aber wir meiden ihn auch in unserem Empfinden. Verletzlichkeit wird unterdrückt. Alter, Gebrechlichkeit und Tod sind Themen, die nahezu völlig aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein ausgegrenzt sind. Es gibt inzwischen Millionen von Surrogaten, die uns über ungute Vorstellungen und emotionale Defizite hinweghelfen. Emotionale Verletzungen verarbeitet die Mehrheit der Menschen genau in dieser Weise. Da sie erwartet werden, wird ihr Eintreffen als Bestätigung der Vermeidungstaktik gewertet. Der Umgang mit Verletzlichkeit weist starke Parallelen mit dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung auf.


Tipps gegen Verletzlichkeit

So gesehen mutet es fast schon wie ein Rettungsring an, dass der Mensch in diesen entfremdeten Verhältnissen seine Urinstinke bewahrt hat. Denn alle Surrogate und vermittelten Beziehungen können eins nicht ersetzen: das menschliche Miteinander. In der Interaktion finden die Menschen nicht nur das Mittel zum Überleben, zur Schaffung eines gewissen Wohlstandes oder zum Erreichen einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung, sondern auch ihr ganz persönliches Glück. Das höchste aller Gefühle ist nur zu haben, wenn die Beziehung zu anderen Menschen (ganz speziell natürlich auch zu einem einzigen) von Tiefe und Wahrhaftigkeit geprägt ist. Das aber setzt Offenheit, Ehrlichkeit und Bedingungslosigkeit voraus. Ein solches Verhalten steht zuweilen im argen Widerstreit mit den gesellschaftlichen Werten, die auf Stärke, Erfolg und Egoismus setzen. Die Fähigkeit, sich zu öffnen und dabei anfällig für emotionale Verletzungen zu werden, aber ist keine Schwäche, sondern Mut. Dieser Mut wird insbesondere gewürdigt, wenn wir damit ein Angebot zur Kooperation verbinden. Der beste Schutz gegen Verletzlichkeit ist, menschliche Werte anzubieten.

Wie ein solches Verhalten zu einem sinnerfüllten Leben beiträgt, hat die amerikanische Autorin Brene Brown in ihrem Buch „Verletzlichkeit macht stark“ herausgearbeitet. Hier sind auch ihre 10 Tipps gegen Verletzlichkeit zu finden.


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Kommentar (1)

  1. Kevin

    Guten Morgen,

    sie haben mit Ihren Bericht so recht. Kinder geben sich so oft Mühe und strengen sich an. Dann kommen Sie voller Stolz und wollen ihre Arbeit zeigen und manche Erwachsene schenken dem keine große Beachtung und werten es oft noch ab. Ob gewollt oder ungewollt, dennoch hinterlässt das bei Kindern Spuren die sich bis ins Erwachsenenalter hineinziehen. es stellt sich nicht die Frage ob sich die Verletzlichkeit zeigt sondern nur wie.

    Ich denke wir Erwachsene sollten uns immer wieder vorstellen was wir für eine Antwort hören möchten, wenn wir uns so angestrengt hätten, wie unsere Kinder.

    Kevin

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